Der Bevölkerungsrückgang – Folgen für Umwelt und Flächenmanagement

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Der Bevölkerungsrückgang – Folgen für Umwelt und Flächenmanagement

Bei der Akademie-Impulstagung "Der Bevölkerungsrückgang – Konsequenzen für die Nutzung und für das Management von Flächen sowie der Umwelt" in Ludwigsburg waren fast 100 Vertreter der Kommunen (Oberbürgermeister, Bürgermeister, Beigeordnete, Stadt- und Ortsbaumeister, Städteplaner) sowie der Forschung anwesend. Die Tagung (2003) wurde gemeinsam vom Umweltbundesamt und der Umweltakademie Baden-Württemberg ausgetragen. Hier die Ergebnisse der Expertenanhörung.

Der demografische Zeitenwandel in prognostischen Zahlen und Fakten
Entwicklung der Bevölkerung in Deutschland

  • Bis zum Jahre 2050 wird in Deutschland ein Bevölkerungsrückgang von 17% zu erwarten sein. An Stelle des beständigen Bevölkerungswachstums schrumpft nunmehr die Bevölkerung in Deutschland trotz Zuwanderung jährlich um 200.000 bis 300.000 Menschen. Bei Fortbestand der jetzigen Rahmenbedingungen werden im Bundesgebiet in den nächsten 40 bis 50 Jahren rund ein Viertel weniger Menschen leben.

  • Demzufolge wird in nächster Zukunft in manchen Gemeinden Deutschlands die Bevölkerung innerhalb weniger Jahre um bis zu 30 % zurückgehen. Lediglich die wirtschaftlich gut entwickelten Regionen werden von diesem Rückgang weniger stark betroffen sein, oder die Entwicklung tritt dort mit zeitlichem Verzögerungseffekt ein

  • In Baden-Württemberg wird die Einwohnerzahl nach Prognosen des Statistischen Landesamts von derzeit 10,6 Millionen bei niedrigen Nettozuwanderungen auf 8,8 Millionen im Jahr 2050 abnehmen. Bei Fortschreibung der gegenwärtig relativ hohen Wanderungsgewinne ist freilich in den nächsten Jahren noch ein leichtes Bevölkerungswachstum zu erwarten, das erst auf längere Sicht in eine rückläufige Entwicklung übergehen wird.

  • In Baden-Württemberg kann die Zuwanderung heutzutage gerade noch die zurückgehenden Geburtenraten abdecken. Der Zuwanderungsanteil beträgt zur Zeit 10 %. Durch die Zuwanderung lässt sich der Rückgang nicht kompensieren, allenfalls verzögern.

  • Deutschland liegt mit einer derzeit statistischen durchschnittlichen Kinderzahl von 1,35/Frau (Baden-Württemberg 1,38, d.h. 100 Frauen bringen 138 Kinder zur Welt) deutlich unter den durchschnittlichen Kinderzahlen einiger Nachbarstaaten. Damit die Bevölkerungszahl gleich bleibt, müsste jede Frau im statistischen Schnitt 2,13 Kinder zur Welt bringen.

  • Mit dem Jahr 2000 hat für Baden-Württemberg in demografischer Hinsicht ein historisch neuer Zeitabschnitt begonnen. Erstmals in der Geschichte des Landes leben hier mehr ältere als jüngere Menschen. Der Bevölkerungsanteil der älteren Generation wird nach heutigen Bevölkerungsvorausrechnungen bis zum Jahr 2050 von derzeit 23 % auf 36 % steigen. Damit wird um das Jahr 2050 etwa jeder dritte Einwohner des Landes 60 Jahre oder älter sein. Im internationalen Vergleich ist Deutschland eine der am schnellsten alternden Gesellschaften.

  • Veränderung im Altersaufbau – die Alterspyramide gerät immer stärker außer Form; ihre Basis verschmälert sich drastisch: Es entsteht eine Scherenbewegung zwischen Jung und Alt. Das Verhältnis von Jung zu Alt verschiebt sich. Im Jahr 2050 wird ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre und nur ein Sechstel der Bevölkerung unter 20 Jahre alt sein. Hinzu kommt eine zunehmende durchschnittliche Lebenserwartung von heute 76/82 (m/w) Jahren auf 83/87 (m/w) Jahren bis 2050.

  • Die Bewältigung von sozialen, wirtschaftlichen und technologischen Aufgaben wird zunehmend von Älteren übernommen werden.



Folgen für die Umwelt

  • Der Bevölkerungsrückgang mit den damit einhergehenden Ressourcen- und Energieeinsparungen reicht nicht aus, um die nationalen Klimaschutzziele zu erreichen.

  • Im ländlichen Raum wird die Personengruppe der Hochqualifizierten eher abwandern, dafür wird es einen Zuzug von Älteren aus der Mittel- und Oberschicht geben ("Rückzugsregion"). Dies kann sowohl groß- wie kleinräumig auftreten. Mit der Dispersion der älteren Menschen auf dem Lande wird ein erhöhter Energieverbrauch erfolgen.

  • Die schlechtere Ausnutzung der Versorgungssysteme (Leitungen für Fern- und Nahwärme, Abwasser- und Trinkwasser) in Gebieten mit abnehmender Bevölkerung bedingt einen technischen Mehraufwand und Mehrkosten, die auf weniger Menschen verteilt werden. In manchen Gebieten wird sich die Unterhaltung solcher an sich sinnvoller Systeme nicht mehr rechnen lassen.

  • Die Entlastungseffekte für die Ballungsräume werden zu einer verminderten Betriebsamkeit vergleichbar der Verkehrsbelastung in den Ferien führen. Der Verkehr wird dann lichter, Parkraum wird reichlich vorhanden sein. Der Personenverkehr wird im Gegensatz zum Güterverkehr voraussichtlich nicht zunehmen.

  • Die zu erwartende Dispersion vor allem der älteren Menschen im ländlichen Raum bzw. im Umfeld der Ballungsräume wird jedoch zu einem erhöhten Verkehr und damit auch Energieverbrauch führen. Dieser Entwicklung gilt es entgegenzusteuern.

  • Eine alternde Bevölkerung benötigt weniger konsumtive Güter.

  • Natürlich bietet die zu erwartende Schrumpfung der Bevölkerung auch Chancen für Natur und Umwelt. Die Entlastungseffekte in der Fläche bedeuten allein durch den zurückgehenden Flächenverbrauch zunächst positive Auswirkungen für Ökologie und Landschaft.

  • Für die Umwelt scheint prinzipiell eine Entlastung in Sicht. Die baulichen Wucherungen der Städte gehen zurück.



Fakten/Konsequenzen für das Flächenmanagement und die Siedlungsentwicklung

  • Die Osterweiterung führt zu einer weiteren Abwanderung von Betrieben aus Deutschland in Billiglohnländer. Dies ist für die Ausweitung von Gewerbegebieten nicht förderlich. In Deutschland liegt die Zunahme an Gewerbebrache zur Zeit bei täglich 10 ha! In den neuen Bundesländern existieren bis zu 1 Million leerstehender Wohnungen. Die Flächenversiegelung geht dennoch auch dort vielerorts weiter.

  • Die Flächenumnutzung geht gegenwärtig immer noch in die falsche Richtung: Es werden immer noch Gewerbegebiete auf der grünen Wiese ausgewiesen, obwohl erkennbar ist, dass nennenswerte Flächen in absehbarer Zeit brach liegen und zur Soziallast werden.

  • Heute geplante und realisierte Bau- und Gewerbegebiete werden in naher Zukunft als bauliche Altlasten leer stehen können. Die Folgen können von der zahlenmäßig stark geschrumpften Bevölkerung nicht mehr bezahlt werden.

  • Es gilt deshalb, Altlasten von Morgen in Form von Gewerbebrachen schon heute durch Umplanung, Einstellung bzw. Reduzierung in der Bauleitplanung zu vermeiden.

  • Auch wenn das Schwinden der Bevölkerung in den Ballungsräumen nicht so auffällig wie im ländlichen Raum sein wird, gilt es bei der Stadtplanung die Innenentwicklung mehr denn je zu bevorzugen.

  • Es wird eine kräftige Abnahme im stagnierenden Wohnungsneubau zu erwarten sein. Im Wohnungsbau, der auch entscheidend vom Wohnflächenbedarf und der Single-Entwicklung abhängt, wird nur noch mit geringen Zuwächsen zu rechnen sein.

  • Der Bevölkerungsrückgang führt zu Identitätsfragen in den Kommunen, weil die Aufgabe und der Abbruch historischer Gebäude drohen kann. Die mangelnde Auslastung der Gebäude und die fehlenden Mittel zur Beheizung (schon jetzt im Osten Deutschland vielerorts Fakt) fordern zum Rückbau des kommunalen Gebäudebestands heraus.

  • Die hohe Zahl der Verstorbenen führt zu einem kräftigen Anstieg der Friedhofsflächen.

  • Das Flächenmanagement und nicht die Neu-Ausweitung erhält zukünftig einen größeren Stellenwert, der Planungsbedarf nimmt zu, denn die demografisch verursachten Probleme sind nur mit sorgfältigeren und umfassenderen Planungen zu bewältigen.

  • Wer wird angesichts der sinkenden Bevölkerungszahlen und der zunehmenden Seniorenzahl die Obstwiesen mähen oder die Trockenmauern in den Weinbergen etwa des Neckartals und seiner Seitentäler sanieren?



Lösungsansätze

  • Der Flächenverbrauch muss an das Förderwesen und die Förderpolitik gebunden werden. Hierbei ist vor allem eine kommunale Finanzreform gefordert.

  • Auf kommunaler Ebene bedarf es zur Feststellung der Lage konkreter Daten über den Bevölkerungswandel (Bevölkerungsvorausrechnung). Die Ergebnisse bedürfen der kommunalpolitischen Erörterung. Viele Kommunen verfügen hier noch nicht über spezifische Daten und "spielen weiterhin planerisches Russisch Roulette".

  • Der zu erwartende Bevölkerungsrückgang fordert heute schon zum Handeln auf. Wir befinden uns in einem tief greifenden Wandel. Es gilt, aus der demografischen Sackgasse herauszukommen. Ziel muss eine harmonische Bevölkerungsentwicklung und ein Abfangen negativer Erscheinungen sein.

  • Gesunderhaltende Initiativen für die stark von älteren Menschen geprägte Gesellschaft werden zukünftig immer wichtiger. Naturnahen Freiräumen wird daher in ihrer Rolle als Erholungsgebiete eine wachsende Bedeutung zukommen.

  • Ältere Menschen werden in den Städten und Gemeinden ein wichtiges Reservoir im Bereich soziale, kommunale und gemeinnützige Dienste.

  • Mit dem Rückgang der Zahl jüngerer Einwohner wird die Dynamik und die Risikobereitschaft in der Gesellschaft sinken. Durch die generationenübergreifende Kooperation gilt es deshalb, neue Formen des Lernens und der Vermittlung von Erfahrungen zu suchen. Wenn sich unsere Senioren zunehmend als Mentoren für die nachwachsende Generation verstehen, wird der Wandel der Bevölkerungspyramide harmonischer abgefangen werden können

  • Das Denken in Dekaden ist im Bereich Demografie unumgänglich.



Vollständige Dokumentation der Tagungsbeiträge in: Andreas Troge & Claus-Peter Hutter (Hrsg., 2004): Dokumentation der Fachtagung "Der Bevölkerungsrückgang – Konsequenzen für die Nutzung und für das Management von Flächen sowie der Umwelt". Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart. ISBN 3-8047-2081, € 14.-, im Buchhandel erhältlich.
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